Fahrbericht 996

Die Fahrberichte sind mit die wichtigsten Themen, der Leser. Deshalb freue ich mich um so mehr, daß ich auf sportwagen-hp exklusiv den ersten Fahrbericht über den Porsche 996 Cabriolet veröffentlichen kann.


PORSCHE 996 CABRIO

Ausstattung: Sportpaket, Klangpaket, PCM, DSP, 3-Speichen-Lenkrad

Offensichtlich hat sich die 911-er Fangemeinde seit Erscheinen des 996 in zwei Lager gespalten: die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn...

Nach vielen Jahren 911- und 3 Wochen 996-Erfahrung kann ich beide Seiten verstehen.

Als ich meinem neuen 996-Cabrio zum ersten Mal gegenüberstand, gefiel mir das Auto mit Hardtop besser als die Coupé-Version, wohl durch die etwas kleinere Heckscheibe wirkt es gedrungener, sportlicher. Auch in der Handhabung erscheint das Hardtop gelungen, hat man erstmal die Entfernung zweier Plastikstopfen ohne Fingernagelverlust hinter sich gebracht, läßt es sich problemlos auf- und abmontieren. Etwas schwieriger gestaltet sich die Anbringung der Hardtophalterung in der Garage, die aus 3 Aluminiumstangen und diversen Schrauben besteht. Die Aufbauanleitung des Halters ist zwar in unzähligen Sprachen abgefaßt, ansonsten aber so gut wie unbrauchbar. Das PZ Willich-Münchheide bietet an, das Hardtop gegen einen geringen Kostenbeitrag dort zu lagern.

Als leidgeprüfter "Persenning-auf-und-ab-Knüpfer" freut man sich, daß das Verdeck endlich völlig verschwindet, die Abdeckung hätte aber optisch schöner gelöst werden können. In Betrieb gibt die Verdeckmechanik, das vom Vorgänger bekannte "gleich-geht's-kaputt-Quietschen" von sich, funktioniert aber schnell und problemlos. Die Möglichkeit, das Verdeck durch Schlüsselbetätigung zu bedienen erscheint mir recht überflüssig, da sie nur funktioniert, wenn man unmittelbar neben dem Auto steht und somit auch der Show-Effekt zum Teufel ist.

Die oft kritisierte Plastik-Innenausstattung stört mich beim dem von mir gewählten Metropol-Blau nicht, zumal alle Bedienelemente am richtigen Platz und spontan problemlos zu nutzen sind. Andersdenkenden steht die "Totalverlederung" zu entsprechendem Preis zur Verfügung. Gut gefallen sinnvolle Kleinigkeiten, wie das automatische Absenken der Scheiben beim Türschliessen oder die Tatsache, daß das Warnsignal bei eingeschaltetem Licht endlich nicht mehr plärrt, wenn lediglich die Beifahrertür geöffnet wird.

Das 3-Speichen-Sportlenkrad liegt gut in der Hand, optisch gefällt es mir wesentlich besser als das Serienlenkrad, das irgendwie nach Familienlimousine aussieht. Die Sportsitze geben guten Halt, die Einstellmöglichkeiten sind ausreichend. Für meine Ohren ist der Sound des Motors nicht mehr "porschetypisch" genug, dies ist aber sicher reine Geschmacksache und bessert sich auch bei Drehzahlen über 5000/min.

Schon nach den ersten Kilometern begeistert des Fahrverhalten, der Motor zeigt in allen Drehzahlbereichen gute Durchzugskraft, das Fahrwerk erlaubt mit den 18-Zoll-Rädern Kurvengeschwindigkeiten, die beim 993 undenkbar waren. Ich ertappe mich dabei, wie ich vor Kurven bewußt Abstand zum Vordermann nehme, um dann ein wenig "powern" zu können.

Das 6-Gang-Getriebe überzeugt durch kurze Schaltwege und läßt sich präzise bedienen, sieht man von einer gewissen Schwergängigkeit bei kaltem Motor ab, die beim Vorgänger bei niedrigen Außentemperaturen auch auftrat. Der deutlich kleinere Wendekreis fällt beim Rangieren angenehm auf. Das ungemein stabile und ruhige Fahrverhalten macht sich besonders bei hohen Geschwindigkeiten positiv bemerkbar, was sich u.a. durch ausbleibenden Protest weiblicher Beifahrer auch bei Tempo 260 und mehr darstellt. In gleichem Maß wächst allerdings die Sorge um Radarfallen, da man sich in diesem Fahrzeug nur mit Mühe an vorgegebene Geschwindigkeitsbeschränkungen halten kann, schaut man kurz nicht auf den Tacho, ist man praktisch immer zu schnell.

Die Bremswirkung ist porscheüblich phänomenal, eine Einbuße durch die Contireifen, wie an anderer Stelle beschrieben, kann ich nicht bestätigen. Mit geöffnetem Dach machen Fahrten bis Tempo 180 Spaß, danach wird's ungemütlich. Wohlgemerkt ohne Windschott, dessen Daseinsberechtigung ich schon immer bestritten habe. Wenn mich der Wind stört, kaufe ich mir kein Cabrio. Als angenehm registriert man die nun fehlenden Flattergeräusche des geöffneten 993-Verdecks ohne Persenning. Bei geschlossenem Dach sind die Windgeräusche im Vergleich zum Vorgänger deutlich reduziert, bis Tempo 230 kann man sich problemlos unterhalten, darüber hinaus sollte sowieso Konzentration vor Kommunikation gehen. Auf der Autobahn zeigt sich bei schneller Gangart ein deutlich besserer Geradeauslauf, was bei Regenfahrten selbst im 200 km/h-Bereich zu einem sicheren Fahrgefühl führt. Auf das Sportfahrwerk möchte ich jedoch in keinem Fall verzichten, sonst würde wohl doch schon fast Limousinen-Fahrgefühl aufkommen. Leider konnte ich die V-max. bisher Dank des vorgezogenen Herbstwetters nicht austesten, bei 270 km/h scheint aber noch mehr "drin zu sein". Subjektiv erscheint mir die Beschleunigung in allen Geschwindigkeitsbereichen verbessert.

Als etwas störend empfinde ich den 65-Liter Tank, der bei meinem Verbrauch von 13,8 Litern im Autobahn/Landstraße/Stadt-Mix doch relativ häufige Tankstellenbesuche nötig macht.

Das PCM tut in meinem Fahrzeug bisher problemlos seinen Dienst, schon nach wenigen Tagen möchte ich das Navigationssystem nicht mehr missen, auch wenn es sich im Innenstadtbereich zeitweise "verhaspelt", ist der Vorteil in unbekanntem Gebiet enorm, zumal bei dem jetzt fehlenden und von mir schmerzhaft vermißten Handschuhfach die Mitnahme von Straßenkarten kaum noch möglich ist. Wünschenswert wäre eine Einbeziehung der Verkehrsdichte, um nicht in Staufallen geführt zu werden, in der Zukunft sicher machbar.

Die Telefonkomponente zeigt gute Bedienbarkeit, wobei das Freisprechmikrofon vielleicht in Wagenmitte einen besseren Platz gefunden hätte, als am linken Cockpitrand und der Designer bei Erschaffung des Zweithörers sicher nicht seinen besten Tag hatte.

Die Einstellmöglichkeiten des Audiosystems sind für meinen Geschmack zu zahlreich, wer stellt schon bei jedem Musikstück andere Bass-, Höhen- oder sonstige Klangwerte ein? Statt dessen hätte ich mir etwas hochwertigere Lautsprecher gewünscht, aber daran hat es bei Porsche schon immer gefehlt.

Fazit

In den 80er Jahren fuhr ich einen 3,3 L-Turbo, der über die gleiche Motorleistung wie der 996 verfügte. Für das Auto waren Begriffe wie "Servo" ein Fremdwort, es war hart, schnell und brutal. "Ein Traumwagen!" dachte ich im Alter von 30 Jahren. Seitdem hat sich der 911 für meinen Geschmack Schritt für Schritt vom Rennboliden zum Komfortsportwagen entwickelt. Wer sich einen 911 als Hobby in der Garage halten kann, hat sicher nach wie vor mit einem 993 oder Vorgänger mehr Spaß, wer, wie ich, auf das Fahrzeug alltäglich angewiesen ist, und zudem zugegebenermaßen so langsam "in die Jahre" kommt, wird es nicht unbedingt vermissen, nun nicht mehr jede überfahrene Zigarettenkippe zu spüren. Der Zugewinn in Technik und Leistung ist jedenfalls unbestritten und wird auf Dauer auch mehr und mehr die Skeptiker überzeugen.

Der 996, für mich heute wieder ein Traumwagen.

Dr. med. Norbert Scheufele norbert.scheufele@mailexcite.com


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