Porsche - Sportfahrwerk


Kolume-Titelthema: Der Porsche Boxster-Skandal

Porsche warnt vor Tieferlegung von mehr als 10mm beim Porsche 986 (Anm. der Redaktion Porsche Boxster) und 996 und stoppt den Verkauf des eigenen Sportfahrwerks.

Ende des vergangenen Jahres bekamen viele Tuningunternehmen und Fahrwerkshersteller Post der Rechtsabteilung der Porsche AG. Und dieses Schreiben hat es in sich. Sprengstoff für die Branche, wie es Tuner formulierte. Der Wortlaut:



Nach Abschluß unserer werksinternen Erprobungsserie mit 986-Sportfahrwerken sehen wir die Notwendigkeit, Sie darüber zu informieren, Daß das Tieferlegen um mehr als 10 mm beim Boxster zu Rissen in der Karosseriestruktur und damit zu nicht beherrschbaren Fahrzuständen führen kann. Die entsprechenden Untersuchungen für den 996er stehen zwar noch aus, es besteht jedoch insoweit grundsätzlich dasselbe Problem, weil die mit modernen Konstruktionsmethoden mögliche Optimierungen (z.B. Gewicht) den früheren Toleranzspielraum unserer Fahrzeuge zwangsläufig beschränkt.

Zitat Ende. Hoppla, was soll denn das heißen? Porsche baut Fahrzeuge, die eine Tieferlegung um mehr als 10 mm nicht mehr vertragen? Fahrzeuge für über 100.000 DM sollen Risse in der Karosserie bekommen? Da scheint bei Porsche die Rechtsabteilung wohl wenig Vertrauen in die eigenen Produkte zu haben. Oder handelt es sich vielmehr um den Versuch, den Aftermarket für Sportfahrwerke zu beschränken, um die eigenen Produkte besser absetzen zu können. Denn das Schreiben, welches mir im Original vorliegt, geht noch weiter. Da heißt es in den folgenden Absätzen:

Sie mit allen Nachdruck darauf hinzuweisen, daß entgegen dieser Warnung vorgenommene Änderungen nicht nur ein Risiko für Leib und Leben des betroffenen Kunden, sondern auch ein massiv rechtliches Risiko für Sie und Ihr Unternehmen darstellen, wenn Sie trotz dieser Information Veränderungen der beschriebenen Art vornehmen.

Dies bedeutet nicht anderes, als das Porsche jede haftung für Fahrzeuge des Typs 986 oder 996 mit einem Sportfahrwerk von scih weist. Und daß Tuner wie TechArt, FVD Brombacher oder Gemballa aber auch KW, Eibach und H&R die Fahrwerke für Porsche-Modelle am besten gleich aus dem Programm nehmen, fordert Frau Arenz, Leiterin der Porsche Rechtsabteilung in Ihrem Schlußsatz unmißverständlich. Dort heißt es nämlich:

Wir appellieren deshalb dringend an Sie, sowohl im Interesse der Sicherheit Ihrer und unserer Kunden, als auch in Ihrem eigenen Interesse von den beschriebenen Veränderungen Abstand zu nehmen.

In den Porsche eigenen Unterlagen „Exclusive & Tequipment" Findet sich allerdings auf der Seite 49 ein Sportfahrwerk mit einer Tieferlegung von 30 mm für Boxster und 996. „Die wollen nur ihre eigenen Sportfahrwerke vor dem Wettbewerb schützen", mutmaßte ein führender Porsche-Tuner. Ein anderer Porsche-Tuner findet noch drastischere Worte: „das Schreiben ist erschreckend und vermutlich vom Marketinggedanken gesteuert. Das kann aber auch nach hinten losgehen. Schließlich sind unsere Produkte TÜV-geprüft und unser TÜV hat trotz des Schreibens keine Bedenken." Allerdings hat beispielsweise der TÜV Pfalz dem Porsche Zentrum Koblenz das TÜV-Gutachten für das hauseigene Sportfahrwerk auf Grund des Schreiben wieder entzogen.

Da ist Sprengstoff drin! Das sieht auch Porsche selbst. Auf das eigene Sportfahrwerk im Zusammenhang mit dem Rundschreiben angesprochen ließ Porsche verlauten „daß die TÜV-Prüfung für Sportfahrwekre kein Garant, zu dem hauseigenen Sportfahrwerke spezielle erprobt seien." Nur zwei Tage später hat Porsche durch den Pressesprecher Jürgen Pippig gegenüber von Auto Test&Tuning bestätigt, daß der Verkauf der Porsche-Sportfahrwerke gestoppt wurde!

Doch mit dem Stopp des Porsche eigenen Fahrwerks sind die Probleme nicht gelöst. Denn jetzt stellt sich erst recht die Frage nach der Qualität der Porsche Modelle. Offensichtlich waren es dann wohl doch nicht reine Marketingüberlegungen, die zu dem Rundschreiben geführt haben. Gibt es tatsächlich Risse in der Karosserie und was passiert, wenn man die erlaubte Zuladung voll ausreizt, dies kommt schließlich einer Tieferlegung und damit verbundene Belastung gleich? Wie verhält sich der TÜV gegenüber den Tunern und Fahrwerksherstellern? Porsche selbst will ein neues Sportfahrwerk entwickeln „bei welchen die kritischen Karosseriepunkte zusätzlich verstärkt werden", so Jürgen Pippig. Kann das tatsächlich die Lösung sein? Was ist, wenn das Fahrzeug nur mittels Federn, wie sie Eibach verkauft tiefergelegt wird? Und was sagt der TÜV dazu, schließlich hat er die am Markt befindlichen Fahrwerke geprüft und freigegeben. Und der Porsche-Kunde muß sich ernsthaft fragen, was er tun soll. Das Sportfahrwerk wieder ausbauen? Wer ersetzt dann die entstandenen Kosten? Mit dem Schreiben hat Porsche eine Lawine losgetreten, die viele Fragen bis heute unbeantwortet läßt. Ich bleibe an dem Thema dran...mehr im nächsten Heft.

Fuer Mathias R. Albert




Zuletzt aktualisiert 15.01.99 von Redaktionsbüro Kebschull. Die namentlich gekennzeichnet Beiträge werden nur vom Redaktionsbüro Kebschull redaktionell betreut und entsprechen nicht der Meinung von Sportwagen-hp.de!